Christa Schneider
Sinn und Unsinn des Leidens
Es gibt immer mehr Menschen, die sich fragen, ob ihr Leben überhaupt einen Sinn hat. „Was ist der Sinn meines Lebens“, ist für viele die Frage, die spätestens im mittleren Alter stärker in den Vordergrund rückt.
Wir fühlen uns als Individuum, als etwas Getrenntes, etwas Besonderes oder auch Abgesondertes von der Schöpfung. Wir sind nicht mehr im Einklang mit ihr, weil wir auch nicht im Einklang mit uns sind.
Um im Einklang zu sein, bedarf es einer bestimmten Schwingung. Unsere innere Schwingung harmonisiert sich mit der Äusseren. Nun sieht unser Alltagsleben meist nicht sehr harmonisch aus. Wir müssen uns, oft entgegen unserem eigenen Rhythmus, dem schnelleren Rhythmus unserer Umwelt anpassen.
Unser Denken ist schneller geworden, unsere Emotionen sind unruhiger und schneller. Durch die vielen „Instant-Verfahren“ inklusive Instantprodukte, sind wir trainiert, oder besser konditioniert, alles schnell zu machen, schnell zu bekommen, schnell zu erleben.
Wir haben Lust auf eine Tasse Kaffee und im Handumdrehen haben wir eine Tasse aus dem Automaten hergestellt. Unsere Kaffeelust wird sofort befriedigt. Desgleichen kann unser Appetit auf Hamburger, Frites, Sex usw. enorm schnell gestillt werden.
Im Grunde wird unsere Idee von einer Tasse Kaffee, von einem Hamburger gestillt. Es sind nicht unsere Sinne, die gestillt werden. Wir denken Kaffee und meinen schon, dass wir, das heisst unser Körper, das braucht. Dabei hören wir meist gar nicht auf den Körper.
Wir sind ja mit fünf oder sechs Sinnen ausgestattet.Doch leider lassen wir diese in der Eile oft verkümmern.
Wir fragen, was ist der Sinn des Lebens, und haben überhaupt keine Zeit, eine Antwort abzuwarten. Wir wollen umgehend, nicht nur eine Antwort, sondern DIE ANTWORT. Wir sind auch nicht gewöhnt, uns selber Antworten zu erarbeiten, sondern wollen das fertig Gedachte von einem Guru, einer anderen Person bekommen. Es gibt ja genügend Gelegenheiten, Gurus und Pseudogurus zu treffen.
Finden wir einen Guru und er gibt uns eine schnelle Antwort, so stellt sich vielleicht im Nachhinein heraus, dass das ganze eine Falle war. Wir waren noch nicht reif für die wahre Antwort, wir waren noch nicht klar genug, die Echtheit oder Unechtheit des anderen zu erkennen.
So werden wir enttäuscht und sind obendrein noch viel Geld losgeworden. Das Ergebnis ist eine herbe Enttäuschung, wir sind um eine Illusion ärmer.
Bleiben wir hartnäckig und wollen es wirklich wissen, weil nämlich unsere Frage nach dem Sinn im Leben ganz eng mit dem Leiden im Leben zusammenhängt, so treffen wir entweder irgend wann auf einen echten, uns bestimmten Meister, oder uns fallen Bücher in die Hände, die uns unmittelbar etwas zu sagen haben. So können wir auf unserem Weg ein Stück weitergehen. Die Sufis sagen: “Ist die Sehnsucht des Schülers stark genug, so erscheint ihm der ihm bestimmte Meister.“
Wir sehnen uns alle nach echter, liebevoller Führung und echter, tiefer Erkenntnis. Vielleicht begegnet uns auf unserem Weg der Begriff der Achtsamkeit. Es ist ein Wort, das in den buddhistischen Lehren eine grosse Bedeutung hat, besonders im Theravada- Buddhismus. Doch auch in allen mystischen Lehren finden wir, dass der Achtsamkeit eine besondere Bedeutung zukommt.
Wenn ich etwas erfahren will, egal ob angenehm oder unangenehm, so muss in meinem Inneren eine Resonanz entstehen. Ich selber muss ganz klar und wach sein, um die Erfahrung mit allen meinen Sinnen zu machen. Jede Meinung von mir verfälscht die reine Erfahrung. Plappern meine Gedanken dazwischen und meinen, „Oh, das ist aber schön, das will ich länger, öfter erleben,“ so sind meine Sinne abgelenkt und ich erfahre nur durch den Kopf. Ebenso ist es, wenn ich eine Abneigung gegen etwas habe. „Nein, diese Schmerzen will ich nicht. Diesen Menschen kann ich nicht leiden, das Essen schmeckt mir nicht.“ Wieder ist mein Denken aktiv, aber meine Sinne erfahren diesen Vorgang nicht voll, weil mein Denken dazwischen steht.
In unserer Alltagssprache sagen wir: “Ich habe diesen oder jenen Eindruck davon gewonnen“. Das bedeutet, dass wir auf die Sache konzentriert sind und einen einzigen Eindruck gewonnen haben. Wenn wir unser Radio nicht sauber einstellen, empfangen wir Wellensalat. Wir müssen unseren Empfang auf eine ganz bestimmte Frequenz einstellen, um einen reinen Empfang zu bekommen.
Übertragen auf unseren „spirituellen Empfang“, fragen wir uns, was das für uns bedeutet. Unser Verstand, oder wie man im Englischen sagt, der „mind“, ist wie eine Horde wilder neugieriger Affen. Überall wo etwas raschelt, sich bewegt oder sonstwie auffällt, da rennt er hin. Er rennt hier hin und dort hin und zum Schluss ist er müde, erschöpft und nicht mehr in der Lage, Wesentliches zu erfassen.
Er ähnelt einem Kind, das mit lauter oberflächlichem Naschzeug gefüllt ist und sich so den Appetit verdirbt. Er übertüncht den echten Hunger mit Ersatz. Wird ein Kind tagsüber mit Lutschern, Gummibären und Eis seinen Magen füllen, dann hat es keine Lust und auch keinen normalen Appetit, noch eine richtige gesunde Mahlzeit einzunehmen.
Das bedeutet, wir sollten uns in die Stille begeben und uns ernsthaft fragen „Was will ich wirklich?“ Will ich ein bisschen Spiritualität, ein bisschen Ego, weil es noch soviel Spass macht, eines zu haben, solange es nicht Leid erfahren muss. Wollen wir überall mitreden und kleiner „Hans Dampf“ in den spirituellen Gassen sein?
Oder ist es uns ernst, suchen wir Erkenntnis, sehnen wir uns nach Wahrheit, nach Echtheit?
Wenn wir diese Frage mit JA beantworten, dann wissen wir, dass ein schwerer Weg vor uns liegt. Wir wissen, dass wir Opfer bringen müssen, dass wir alle Illusionen, die uns Sicherheit vorgaukeln, fallen lassen müssen. Dass es auf dem Weg keine Stützen, keine verzierten Geländer geben wird.
Die Wahrheit macht uns frei, aber sie verlangt einen sehr hohen Preis. Sie schenkt uns höchste Erkenntnis und Einsicht und auch Befreiung vom Leiden. Doch zuvor muss unsere Kapazität, Wahrheit zu ertragen, in einem grossen Mass gestärkt werden.
Das bedeutet auch, dass wir das Leben, so wie es ist, akzeptieren lernen müssen. Dass wir uns nicht sträuben, wenn unangenehme Dinge in unser Leben treten, und dass wir die sogenannt angenehmen Dinge nicht festhalten. Weder Abneigung noch Anhaften sollten unsere Neigungen sein.
Der Weg der Wahrheit ist nicht für denjenigen, der mit der Spiritualität wie mit einem Jojo spielt. Der Weg ist für denjenigen, der den festen Entschluss fasst „Ich will für die Wahrheit leben, ich stehe für die Wahrheit und notfalls sterbe ich auch dafür.“
Können Sie ermessen, was das bedeutet? Ein kleiner Anfang ist, dass wir keine Notlügen, keine Ausflüchte, keine Kompromisse mehr machen. Das ist keine Kleinigkeit! Wie leicht kommen wir immer wieder in das Fahrwasser gesellschaftlicher Zwänge. Wir sagen „Ich freue mich Sie zu sehen,“ in Wirklichkeit wünscht man den anderen in die Wüste.
Oder jemand bittet einen um eine Gefälligkeit, aus verschiedensten Gründen sagt man innerlich NEIN. Aber äusserlich hört man sich sagen „aber natürlich, gerne.“ Wenn man es dann macht, hat man innerlich einen Groll gegen den andern und gegen sich selbst, Warum? Weil man unwahr gewesen ist. Wir setzen hier Ursachen, deren Wirkungen uns Unbehagen bereiten, Unwohlsein, oder sogar Leiden.
Glauben Sie mir, es ist äusserst schwierig, zu sich selber ehrlich zu sein. Wie oft, manchmal ein ganzes Leben lang, macht man sich selber etwas vor. Man spielt die Rollen, die einem die Umwelt vielleicht schon in der Kindheit aufgedrängt hat. Man gewöhnt sich an sie, man identifiziert sich damit, bis es zur Krise kommt.
Natürlich können wir uns immer wieder analysieren, wir können von einem Zusammenbruch zum nächsten wanken. Doch was helfen uns Zusammenbrüche, wenn sie nicht Durchbrüche zu Neuem sind? Das heisst, wenn in Krisenzeiten alte Ansichten, alte Meinungen und Gewohnheiten auseinanderfallen, entdecken wir die Hohlheit dahinter, sie haben plötzlich kein sinnvolles Inneres mehr. Unsere vormals stabilen Weltbilder brechen zusammen.
Woran sollen wir uns halten? Hilflos wie ein Neugeborenes sind wir in solchen Krisen. Wir müssen uns völlig neu orientieren . Ausserdem sind wir in solchen Zeiten äusserst verwundbar. Wir sind schutzlos für alle Eindrücke. Es ist gerade dieses Offensein, was uns neue Perspektiven schenken kann.
Wir entwickeln ein besseres Gespür für das Echte und das Unechte. Wie können wir unser Gespür immer feiner entwickeln? Wird uns unser Intellekt dabei helfen? Oder sollten wir unsere Intuition zu Hilfe nehmen?
Zuerst einmal haben wir immer einen ersten Eindruck. Wir erkennen eine Form, die ist das Äussere. Sei es ein Mensch, ein Tier, eine Sache oder ein Ereignis, es gibt bei allem ein Äusseres, einen ersten Eindruck. Daraufhin kommen wir in Kontakt mit dem Inneren, dem Wesen eines Menschen, eines Tieres, dem Inhalt einer Botschaft. Dann folgt noch das Umfeld und seine Wirkungen.
Begegne ich einem Menschen, so stürzt die gesamte Schwingung von Form, Inhalt und Umweltbedingungen auf mich ein.
Wenn ich selber in mir ruhig und klar bin, kann ich die gesamte Schwingung wieder analysieren in Form, Inhalt und weitere Lebensbedingungen. Je mehr ich mich auf ein Thema, eine Sache konzentriere, desto intensiver erfahre ich sie. Es ist für mich wichtig, in das Wesen, in das Innere vorzudringen. Denn dadurch erfahre ich, wie sie wirklich ist, nicht nur, wie ihr Äusseres beschaffen ist. Beurteile ich eine Sache oder einen Menschen, oder ein Erlebnis nach seinem Äusseren, so mache ich laufend Fehlurteile. Weil ich sein Wesen nicht kenne, das sicher viel Wesentlicheres aussagt.
Bin ich mit einer Gruppe Menschen zusammen, so empfange ich von allen etwas, ich kann mich jedoch nicht so intensiv auf den einzelnen einstellen. Beschäftige ich mich mit einem Menschen alleine, so werde ich ein viel umfangreicheres Bild von ihm bekommen.
Dieses sich auf eine Sache, einen Punkt zu konzentrieren, nennen die Hindus „Ekagrata“. Es ist eine Übung, die mit zur spirituellen Entwicklung gehört. Diese Übung hilft, unser Denken, unseren mind beherrschen zu lernen. Ich verwende all meine Aufmerksamkeit, ich bin mit allen Sinnen offen und dabei, die Sache, den Menschen, die Situation mit der ich gerade beschäftigt bin, wahrzunehmen, aufzunehmen, in mir zu spüren. Ich bin voller Achtsamkeit, ich tue jetzt nur das, was ich tue. Wenn ich gehe, gehe ich, wenn ich schreibe, schreibe ich. Wenn ich rede, rede ich.
Die meisten Menschen sind mit ihren Gedanken nicht dort, wo sie grade sind. Sie denken schon an das nächste, wenn sie noch mit dem einen beschäftigt sind. Stehen sie, so denken sie ans Gehen. Gehen sie, reden sie, so sind sie mit ihren Gedanken schon wieder woanders.
Sie sind sich nie voll bewusst, was sie eigentlich machen. Das ganze steigert sich oft in eine Art der Unzufriedenheit. Ein Mensch lebt auf dem Lande und stellt sich immer wieder vor, in der Stadt zu leben, oder auch umgekehrt. Wir gehen einem Beruf nach, und bejahen innerlich unser Tun nicht. Wir träumen vom Aussteigen. Wir werden weder unserem Beruf gerecht, noch machen wir die Erfahrungen, die wir machen könnten, wenn wir mit all unseren Sinnen offen dabei wären.
Manche Menschen leben mit einem Partner zusammen und träumen von einem anderen Partner oder vom Alleinsein. So leben sie nur halb und verpassen die grosse Chance, in vollem Bewusstsein das Leben zu erfahren und Erkenntnisse zu machen. Sie machen alles nur halbherzig und wundern sich, dass sie keine Erkenntnisse spiritueller Art haben.
So sehnen sie sich nach dem Guru in einem fernen Land, der ihnen nach dem Aussteigen aus dem Beruf, und nach einem angenehmen Flug, grosses Lob zollt und ihnen die tiefsten Geheimnisse des Lebens und Sterbens sogleich präsentiert.
Ist das Leben nicht der grösste Lehrmeister? Wenn wir wach und wahr sind, lässt uns die gesamte Schöpfung Teil haben an ihren Geheimnissen und schenkt uns Einblick in die tiefste Weisheit.
Es besteht die Ansicht, dass es sehr viel ausmache, was für Eindrücke wir täglich aufnehmen. Viele möchten sich vor allem Unguten schützen, sie wissen aber nicht, wie sie es anstellen sollen. Der Verstand meint, er müsse sich gegen alles Unangenehme wehren. Er lässt den Menschen dann in Vorstellungswelten flüchten, wo niemand stört. Die Folge davon kann eine Weltfremdheit sein, die es für die Mitmenschen immer schwerer macht, mit so einem Menschen zu kommunizieren.
Wenn wir wirklich mit allen unseren Sinnen intensiv leben, so kommt es nicht so sehr darauf an, was wir aufnehmen, sondern wie wir es aufnehmen. Sind wir von allem, was auf uns einstürmt, gleichermassen beeindruckbar, nehmen wir alles auf, kritiklos oder evtl. sogar begeistert, so werden wir verwirrt und unfähig, das Aufgenommene zu verarbeiten und zu integrieren. Unser Verstand kann hier als Filter dienen, der uns hilft, die Eindrücke zu ordnen und nach Wichtigkeit zu bewerten.
Dass unser Verstand alleine nicht ausreicht, dass wir ihn nicht als Kompass auf dem spirituellen Weg benutzen können, erfahren wir alle nach einer gewissen Zeit.
Wir alle wissen, wie es ist, wenn man Schmerzen hat. Kopfschmerzen, Migräne, Gliederschmerzen, Rheuma. Wir können schrecklich unter physischen Schmerzen leiden. Unser Verstand sagt uns, dass das grässlich ist, und dass wir schnell etwas tun müssen, um die Schmerzen loszuwerden. Meistens nehmen wir uns nicht einmal die Zeit, unseren Körper zu fragen, was er will, was er uns sagen möchte.Wir reagieren auf körperliches Leiden meistens recht schnell und wollen den Zustand ändern.
Es gibt eine weitere Form, die uns Unbehagen schafft. Stellen Sie sich vor, Sie kaufen sich ein neues Auto, oder ein neues Kleid. Am Anfang sind Sie noch so stolz und euphorisch, doch nach einer gewissen Zeit verlässt Sie die Freude. Das Neue ist nicht mehr neu, es ist gebraucht, es wird alt. Vielleicht tauchen sogar die ersten Probleme damit auf.
Wir können uns auch erinnern, wie es in unser Jugend war. Wir verlieben uns in einen jungen, schönen Menschen, und wie alles im Leben, so vergeht auch die Jugend und der Partner wird alt. Die jugendliche Frische ist verschwunden. Jetzt ist es heilsam selber in den Spiegel zu schauen, um nicht zu übersehen, dass das Altwerden mit schöner Gerechtigkeit alle Menschen trifft, auch uns.
Menschen, Pflanzen, Tiere und auch Dinge entstehen, existieren eine Zeitlang und dann am Ende des Alterungsprozesses, vergehen und sterben sie. Mit dem ersten Atemzug, den wir bei unserer Geburt tun, erhalten wir die Garantie, eines Tages auch den letzten zu tun. Und wieder und wieder kommen wir und gehen wir, bis wir die Befreiung aus dem Rad der Wiedergeburten erreicht haben. Hier haben wir die Grundlage allen Leidens.
Hat Leiden überhaupt einen Sinn? Es gibt keinen Menschen, der in seinem Leben nicht immer wieder Leid erfährt. Manche Menschen zucken dann mit den Schultern und sagen: “Es ist eben Schicksal“ oder „Es ist Karma“, andere nennen es „Kismet“. Gemeint ist ungefähr das gleiche.
Schicksal ist ein Begriff aus dem christlichen Abendland. Es bedeutet, sich in das von Gott gegebene hineinschicken. Kismet kommt aus dem Orient und wird gedeutet als „das Unvermeidliche, Unausweichliche“. Karma ist ein Begriff aus dem Hinduismus, dem Buddhismus und auch aus dem Jainismus. Er wird in dem Sinne verwandt, dass man früher, zB. in früheren Leben oder früher, im jetzigen Leben, meist aus Unwissenheit, Dinge tut, die für einen selber unangenehme Folgen haben kann.
Karma bedeutet Handlung. Was wir erleben als Freude oder Leid, können wir als Wirkungen ansehen, die abhängig sind von Ursachen. Wir haben irgend wann etwas Gutes getan, und als Resultat erfahren wir, auch irgend wann, eine Freude, ein freudevolles Erlebnis. Oder wir waren sehr egoistisch und suchten unseren Vorteil, wir tun anderen Unrecht, wir tun etwas Unheilsames. Und irgend wann erfahren wir dann Leid.
Natürlich will kein Mensch freiwillig leiden. Doch wir müssen erfahren, dass wir in Prozesse von Ursache und Wirkung eingebunden sind. In jeder Minute beeinflussen wir durch unser Denken, Fühlen und Tun unsere Zukunft. Wir setzen andauernd neue Ursachen für unsere Zukunft, für unser Karma.
Die Buddhisten sprechen davon, dass es drei grundlegende Emotionen gibt, die Leid verursachen.
Die erste Ursache ist Unwissenheit. Manchmal wird auch vom Wahn gesprochen, dem man verfallen sein kann.
Die zweite Ursache ist die Begierde. Das Habenwollen von Angenehmem.
Die dritte Ursache ist der Hass. Das Nicht-Habenwollen von Un-Angenehmem.
Diese drei Grundübel verursachen eine Reihe weiterer Neigungen wie Eifersucht, Habgier, Feindseligkeit, Neid und Rachegefühle.
Wer von uns kennt nicht dieses Gefühl, unbedingt etwas haben zu wollen. Zuerst ist es oft nur ein Gedanke. Dieser redet uns ein, dass wir dieses oder jenes unbedingt haben müssen. In der Folge packt uns Ruhelosigkeit. Unsere Gedanken sind hauptsächlich mit dem Objekt unseres Wunsches beschäftigt.
Wird unser Wunsch erfüllt, so entsteht in kurzer Zeit garantiert wieder mindestens ein neuer Wunsch. Und immer wieder sind wir unzufrieden. Wir sind unzufrieden mit unserem Aussehen, mit unserer Persönlichkeit. Wir finden, dass andere einen besseren Partner, klügere Kinder haben. Ein italienisches Sprichwort sagt: “Das Glück wohnt immer am anderen Ufer.“
Wir sind nie zufrieden. Wir können nach materiellen Dingen streben, oder nach menschlicher Zuneigung. Wir suchen intellektuelle oder spirituelle Werte... Immer steht dahinter „DAS HABENWOLLEN“, die Begierde, und diese findet nie eine Befriedigung. Sie schafft eine innige Zuneigung zu Dingen, die man gerne hat, oder gerne hätte, und eine Abneigung gegenüber Dingen und Zuständen, die man nicht gerne hat. Immer aber setzt sie Ursachen für Leid.
Äussere Dinge können nie die Ursache für wirkliches Glück sein. Äussere Dinge sind vergänglich und das Glücksgefühl, das sie vielleicht schenken, muss ebenso vergehen.
Gibt es denn überhaupt etwas, das uns beständige Freude schenken kann? Wir erkennen, dass wir uns durch unser Denken selber sehr viel Leid schaffen. Wir wünschen uns, dass das Leben uns bestimmte Ergebnisse bringt. Tut es das nicht, leiden wir. Unsere Vorstellungen erfüllen sich nicht. Wir geben der Umwelt, den Eltern, allen möglichen Leuten die Schuld , dass es nicht so läuft, wie wir es wollen. Wir leiden.
Wenn wir in der Lage sind, unseren innersten Geist zu finden, unser unsterbliches Selbst, dann werden wir eine Freude erfahren, die uns durch nichts und niemand genommen werden kann. Aus diesem Geist heraus steigt eine innere Ruhe in uns auf, und lässt unsere Ansprüche und Erwartungen an das Leben kleiner werden.
Es wäre dumm zu sagen, Leiden hätte keinen Sinn. Insofern ist der Titel dieses Vortrags eine Provokation. Doch leider sind wir ziemlich dumm und finden Leiden nicht besonders erstrebenswert. Wir stellen alles mögliche an, um nicht leiden zu müssen. Doch egal was wir machen, das Leiden holt uns immer wieder ein. Wir wollen glücklich sein, und tun doch alles, um unglücklich zu werden. Wir wollen nicht unglücklich sein, wollen nicht leiden, aber wir tun alles, was uns leiden lässt.
Wer von uns hat nicht schon im Leben daran gezweifelt, ob es überhaupt Gerechtigkeit gibt. Natürlich haben wir alle, meistens schon in der Kindheit, Ungerechtigkeit erlebt. Wir waren der Willkür der Eltern, der Lehrer ausgesetzt und haben schon sehr jung Leid erfahren. Sicher ist es besonders schmerzhaft, wenn wir Menschen sehr nahe stehen, ihnen total vertrauen und von ihnen erwarten, dass nur Gutes von ihnen kommt. Das erste Leid erfahren wir oft grade durch unseren Vater und unsere Mutter.
Nicht dass unsere Eltern absichtlich schreckliche Dinge tun, aber sie haben natürlich Ihre eigenen Ideen von der Erziehung eines Kindes, sie haben Prinzipien und sie haben ihre Prägung durch ihre Eltern. All das kann ein Kind jedoch noch nicht verstehen.
Die Prinzipien, mit denen erzogen wird, erfahren im Laufe der Geschichte immer wieder Wandlungen. Wo die Grosseltern noch Nationalstolz, Treue, Ehre als Begriffe hochhielten, ist es heute viel mehr „Kreativität, soziales Verhalten und Verstehen“, was den Kindern vermittelt werden soll.
Und immer wieder heisst es, denkt man/frau das Leid, das ich im Leben erfahren habe, sollen meine Kinder nicht erleben. Mit anderen Worten, „Sie sollen es einmal besser haben, als ich.
Alle Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder glücklich werden sollen. Das ist ein gutgemeinter Wunsch. Aber, wie sollen wir es anstellen, dass unsere Kinder nicht leiden müssen, wo wir selber doch so viele seelische Narben in uns tragen.
Fragen wir uns, wo können wir Hilfe finden. Wer kann uns sagen, was wir machen müssen, damit das Leid ein Ende findet? Wir sind zur Zeit gemeinsam auf dem Planeten Erde. Das Leben besteht unter anderem aus Zeit. Zeit kann etwas sehr relatives sein. In der Kindheit und Jugend hat man das Gefühl, dass das Leben sehr lange dauert. Es ist ein unendlich grosses Stück Zeit, was vor einem liegt und was wir „Zukunft“ nennen.
Der Weg in die Zukunft ist mit Erwartungen geschmückt. Erwartungen an das Leben, an andere Menschen, an das Schicksal, ja auch an Gott.
Fragen wir ältere Menschen, wie viele ihrer Erwartungen sich im Laufe ihres Lebens erfüllt haben, so werden wir über ihre Antwort erschrecken. Statt erfüllter Erwartungen war zu oft Enttäuschung das Ergebnis. Nun sind Enttäuschungen letztlich nichts schlechtes. Nur, sie machen keinen Spass, sie tun uns eher weh. Wir werden aus Illusionen, die wir uns machten, mehr oder weniger brutal herausgeholt. Und vielleicht werden wir noch ertappt, dass wir an eine selbst gemachte Täuschung geglaubt haben.
Meistens werden wir ärgerlich, wenn wir eine Enttäuschung erleben. Wir entwickeln Groll auf denjenigen, der uns die Enttäuschung bereitet, und wir tun uns selber furchtbar leid, weil das Leben so hart mit uns umgeht und uns leiden lässt.
Wie ich schon sagte, können wir die Zeit ganz unterschiedlich empfinden. Sie erscheint einem so kurz, wenn wir in einer glücklichen Phase sind. Sie erscheint uns als sehr lang, wenn wir in einer Depression stecken, sie ist also relativ.
Betrachten wir einmal das, was wir als Leiden empfinden.
Wir Menschen tragen alle die unterschiedlichsten Geschichten mit uns herum, unsere Ansichten, Meinungen, Wünsche und Ängste sind vielleicht grundverschieden von einander. So ist es auch möglich, dass ein Mensch unter etwas leidet, das für einen anderen überhaupt nicht erwähnenswert ist.
Menschen, die aus verschiedenen Religionsformen kommen, haben eine unterschiedliche Einstellung zum Leiden. Im Christentum wird dem Gläubigen gesagt, er solle sein Kreuz auf sich nehmen und Jesus nachfolgen. Andererseits wird gesagt: “Wer sich selbst hilft, dem hilft Gott“. Hier entsteht die Frage, können wir uns selber aus dem Leid befreien? Höre ich doch auch immer wieder die Frage: “Wie kann Gott dieses Leiden zulassen?“ Hauptsächlich wird davon gesprochen, wenn Kinder, sogenannt Unschuldige, mit im Spiel sind.
Im Buddhismus wird das Leiden als Folge unseres Karmas angesehen, als Wirkung des eigenen, unheilsamen Tuns. Dieses kann aus früheren Leben, oder aus dem jetzigen Leben stammen. Im Buddhismus wird die Schuld am Leiden nicht Gott in die Schuhe geschoben, sondern wird im eigenen Verhalten gesucht. Aus einem Verhalten, das nicht unbedingt absichtlich Böses wollte, aber doch unheilsames für andere zu Folge hatte. Als Endergebnis eines eigenen unheilsamen Tuns erfahre ich selber Leid als Ergebnis.
Wir Menschen haben einen materiellen Körper, einen Alltagsverstand und die meisten haben auch einen Intellekt, der sich mit den belangen des täglichen Lebens auseinandersetzt. Wir leben in einem Körper, der sich aus Zellen gebildet hat, der lebt und einem unaufhörlichen Wandel unterworfen ist, und irgend wann vergehen die Zellen und wir legen unseren Körper ab.
Wir haben einen Körper, aber wir sind nicht der Körper. In unserem Innersten sind wir unsterblicher Geist, wir sind unzerstörbar, ewig. Mit diesem Geist ist eine Art höheres Denken verbunden, aus einer umfassenderen Sicht, aus grosser Weisheit und tiefem Mitgefühl.
Unser Alltagsdenken ist geprägt von unserem Denken, von unseren Erfahrungen, die wir im Leben gemacht haben, von der Meinung, die wir uns gebildet haben. Wir denken, wir seien objektiv, aber wir können es gar nicht sein, weil wir immer innerlich irgend welche Wertungen vornehmen und mit unseren Voreingenommenheiten und Meinungen, mit unserer Kritik, unserer echten Wahrnehmung im Wege stehen.
Wir versuchen immer wieder mit unserem vergänglichen Alltagsdenken geistige Dinge zu begreifen, aber... wir können es nicht. Wir wollen spirituelle Werte mit Logik erfassen und diese entzieht sich uns.
Wir verhalten uns einerseits wie Kinder, die vom grossen Vater, sprich „lieber Gott“ alles Gute für uns erwarten. Das heisst, das Gute, wovon wir meinen, dass es für uns angenehm sei. Dasselbe erwarten wir von den Eltern, den Lehrern und anderen Autoritäten. Alle sollen für uns sorgen, und darauf achten, dass es uns an nichts Gutem mangelt. Vom ersten bis zum letzten Atemzug erwarten wir Fürsorge. Wir geben die Verantwortung für unser Wohlergehen ab und legen es in die Hände von jemand anderen. Wir geben uns aus der Hand.
Geht es uns irgend wann schlecht, so können wir anderen die Schuld dafür geben. Es ist relativ einfach, in der Kinderrolle zu verharren und innerlich nicht erwachsen zu werden. Es ist bequemer, wenn man leidet, anderen die Schuld zu geben, als selber aktiv zu werden, und für sein Wohl oder auch für seine Umwelt die Verantwortung zu übernehmen. Es leidet sich besser, wenn wir in der Opferrolle sind und einen Täter anklagen können.
Das hängt sicher mit den Wertvorstellungen in verschiedenen Religionen zusammen. Täter ist immer ein Bösewicht, ein schlechter Mensch, das Opfer ist der demütige, sanfte, gute Mensch, der unschuldig leiden muss. Wir finden diese Thematik in vielen Religionen. Der Buddhismus macht insofern eine Ausnahme, weil er in seiner Psychologie die Unwissenheit des Täters besonders herausstellt und letztlich zu der Erkenntnis verhilft, dass es immer karmische Zusammenhänge zwischen Täter und Opfer gibt. Wobei jeder an dem anderen eine Aufgabe hat. Es geht hier nicht um gut oder schlecht, heilig oder unheilig, sondern es geht darum, bestimmte Erfahrungen zu machen.
Natürlich kennt jeder von uns Leid. Wir haben selber gelitten, haben es mit anderen und durch andere erlebt. Manche Religionen haben eine fast innige Beziehung zum Leid. Ich möchte hier besonders das Christentum und die islamische Mystik, den Sufismus erwähnen.
Johannes vom Kreuz sagt z.B. „Wen Gott liebt, den prüft er am meisten.“ Werner Bergengruen, ein ostpreussischer Dichter „liebt doch Gott die leeren Hände und der Mangel wird Gewinn, immerdar enthüllt das Ende, sich als strahlender Beginn.“
Der Sufi-Mystiker Al Hallaj prophezeit einige Tage vor seiner Kreuzigung: “Jeder Blutstropfen den ich am Kreuz vergiesse, lobt den einen Gott allein.“
Wir leben immerhin im christlichen Abendland und sind durch die Religion tief geprägt, auch wenn es uns fast nie bewusst ist, wenn wir es vorziehen, lieber in die Opferrolle zu schlüpfen. Selbst wenn wir keiner Religion angehören, glauben wir doch, dass es anständiger ist, Opfer zu sein. Insgeheim erhoffen wir uns von unseren Mitmenschen Mitgefühl, Mitleid, Wohlwollen und auch Hilfe. Das alles bekommen wir aber nur, wenn wir ein armes Opfer sind und genug leiden. Bekommen wir weder Mitleid noch Hilfe, so verfallen wir in Selbstmitleid, was ja auch leiden ist.
Es ist eine Spirale ohne Ende.
Es gibt auch den Fall, wo wir krank sind und bei allem Ungemach, den uns die Krankheit macht, doch auch Angenehmes dadurch erleben. Unser Partner hat plötzlich mehr Zeit für uns, er umsorgt uns, nimmt uns Dinge ab, erleichtert uns das Leben durch seine Fürsorge. Das ist ein typischer Fall von Sekundärgewinn. Menschen mit starken Rückenproblemen, die vielleicht schon etliche Operationen durchgemacht haben, werden von ihrem Arzt als Frührentner empfohlen. Gleichzeitig bemühen sich die Ärzte, die Symptome und Schmerzen zu nehmen.
Das funktioniert meist aber nicht. Erst wenn der Patient berentet ist, kann er es sich erlauben, den Grund für seine Frühberentung zu verlieren. Also leidet er und hat doch auch einen Gewinn dabei.
Für alle, die wir Menschen sind, gibt es Ereignisse, Begegnungen, Krankheiten, die uns ein Gefühl höchsten Unwohlseins geben. Wir nennen es Leiden. Stecken wir mitten drin, so haben wir das Gefühl, für alle Zeiten drinnen stecken bleiben zu müssen. Die Zeit vergeht entsetzlich langsam. Es steckt jedoch Weisheit in der Methode. Wir lernen aus den Zeiten des Leidens. Wir haben Zeit zu analysieren und Zusammenhänge zu erforschen.
Wir sind ja auf der Erde um zu lernen. Auch wenn viele, die keine guten Erinnerungen an ihre Schulzeit haben, das vielleicht rigoros ablehnen. Aus jeder Situation, ob angenehm oder nicht, können wir etwas lernen. Wir müssen uns nur fragen, was will uns diese Situationen sagen, welche Eigenschaften muss ich vielleicht entwickeln, um das Leben und die entsprechende Situation besser zu meistern.
Haben wir eine Zeit des eigenen Leidens durchlebt, und uns begegnet später ein Mensch, der jetzt ähnliches durchmacht, werden wir sehr viel Empathie für ihn haben, sehr viel Mitgefühl und Verständnis. Echtes Leiden, dem man sich stellt, das man akzeptiert, durch das man geht, ohne darin stecken zu bleiben, verwandelt einen. Es gibt einem ein starkes Fundament. Haben wir schwierige Zeiten überwunden, so wissen wir, dass wir vor diesen Dingen keine Angst haben müssen und dass wir „überleben können.
Es gibt eine Art von Leid, das ich vielleicht unter „nicht sinnvolles Leid“ einstufen möchte. Es ist ein Leid, das wir selber mitverursachen. Unsere Phantasie, die einen Teil unseres Denkens ausmacht, geht gerne eigene Wege. In der Phantasie halten wir uns in der Vergangenheit auf. Wir holen alte Situationen wieder und wieder hervor, und überlegen, wie wir heute handeln würden und warum das alles damals passiert ist. Hätte ich damals nicht so entschieden, dann ginge es mir heute besser. Ach hätte ich doch damals dieses oder jenes nicht gemacht.
Hätte ist völlig unnütz, es nimmt Energie und wir können mit dem andauernden Gebrauch von Hätte verbittern. Es ändert ja nichts mehr. Was vergangen ist, ist vergangen, es ist vorbei. Gut, aber es könnte doch sein, dass die Erde im Jahre 2000 untergeht, es könnte doch sein, dass Pest und Cholera wieder in Europa einziehen. KÖNNTE ist ebenso unnütz, weil es Spekulation ist, die die Phantasie in die Zukunft richtet. Diese Zukunft ist jedoch noch nicht da.
Auch mit „könnte sein“ und „es könnte nicht sein“, erschaffen wir uns mentales Leiden. Wenn die Zeiten anders wären, wäre ich erfolgreich. Wenn mein Partner mich lieben würde, wäre ich schlank, gesund und glücklich. Wenn meine Tochter ein Sohn wäre, dann würde er meine Fabrik erben. Wir setzen Bedingungen, die nicht vorhanden sind, das ist kindisch, weil es nicht funktioniert.
Lernen wir das Leben mit seinen grossen und kleinen Freuden und Leiden zu akzeptieren, so wie es ist. Urteilen wir nicht, hegen wir weder Abneigung noch Vorliebe ,so fällt ein Riesenanteil an potentiellem Leid einfach weg.
Während ich an der Vorbereitung dieses Vortrags bin, erreicht mich die Nachricht, dass Jana, die kleine fünfjährige Tochter von guten Bekannten, ganz plötzlich gestorben ist. Jana war das einzige Kind der Eltern. Ein gesundes, sehr hübsches und kluges kleines Mädchen.
Die Eltern waren vor zwei Monaten aus der Stadtwohnung ausgezogen und hatten auf dem Lande ein Häuschen gekauft. Das kleine Mädchen sollte in der Natur aufwachsen. Das Haus hatte drei Etagen, die miteinander durch eine sehr steile Treppe verbunden waren. Drei Wochen nach dem fünften Geburtstag der Kleinen stürzt sie die Treppe hinunter und fällt so unglücklich, dass sie ganz kurze Zeit später in den Armen der Eltern stirbt. Ihre Eltern halten sie in ihren Armen, und erleben, wie ihr geliebtes Kind seinen letzten Atemzug macht. Sie können nichts tun, als da zu sitzen und das Beenden eines Lebens eines geliebten Menschen mitzuerleben.
Alle, die wir von dem Unglück erfuhren, waren erschüttert, fassungslos. Ein fröhliches, gesundes Kind stirbt innerhalb einer Stunde. Welches Leid müssen die Eltern und Verwandten tragen? Wo soll da der Sinn liegen?
Für die Eltern ist der Tod ihrer kleinen Tochter doch eher ein Grund am Sinn und am Leben und an Gott zu zweifeln. Und wieder können wir fragen „Wieso kann Gott so etwas zulassen?“ Je intensiver wir Leid erfahren und die Ursachen von Leid erkennen, um so stärker wird in uns der Wunsch, uns von den Leiden zu befreien.
Wir werden so müde, all die Leiden immer wieder durchleben zu müssen, dass wir irgend wann Lösungen daraus suchen. Gleichzeitig wächst aber auch unser Mitgefühl mit anderen leidenden Wesen. Wir wollen selber nicht mehr leiden und wir wollen auch nicht, dass andere Wesen leiden müssen. Wir können jetzt natürlich hoffen, dass das Leid einmal ein Ende nimmt. Doch das bringt uns nicht viel.
Wir können uns fragen, was denn am Hoffen so schlecht sein soll. Es ist doch so, dass, wenn wir hoffen, wir einen Widerstand aufbauen gegen das, was ist. Wir nehmen das, was ist, nicht an, sondern versuchen zu flüchten, in das was sein sollte.
Viele Menschen sehen es als eine Tugend an, religiös zu sein. Für die meisten bedeutet es aber irgend einer Kirche anzugehören, und nach den Gesetzen dieser Institution zu leben. Es steht jedoch schon in der Bibel „den Heiden ist das Gebot ins Herz geschrieben“. Mit Gebot ist die Weisheit des Herzens gemeint. Ein wahrhaft religiöses Leben zu führen, heisst, frei von Vergangenheit und Zukunft zu leben. Ganz wach und aufmerksam von Augenblick zu Augenblick.
Die Vergangenheit hängt noch in den Gedankenspeichern fest. Unser Denken ist damit beschäftigt, bestimmte Dinge wieder und wieder zu bedenken. Das kann Sie auch am Hören eines Vortrags hindern. Möglicherweise plappert Ihr Geist immer wieder dazwischen und gibt seine Meinung zu dem, was Sie hören. So sind Sie in Anspannung und passen immer wieder auf, ob das Gehörte auch der Meinung Ihres Geistes, also Ihrer Meinung entspricht.
Wenn Sie offen und unvoreingenommen die Worte in sich wirken lassen, können Sie entspannt und wach dem Vortrag lauschen. Buddha sagte: “Lasse die Vergangenheit ruhen und plane nicht für die Zukunft. Lebe ganz in der Gegenwart, indem du die Dinge erkennst, wie sie wirklich sind.“
Die Abhängigkeit von Vergangenheit oder Zukunft ist äusserst hinderlich, weil sie die Entfaltung von innerer Freiheit und Stärke behindert. Diese Abhängigkeit führt auch zu mangelnder Einsicht.
Angenommen, Sie fühlen sich elend. Versuchen Sie, diesen Zustand zu beobachten, erkennen Sie, dass alle Dinge, angenehme wie auch unangenehme, früher oder später vorübergehen müssen. Halten Sie Ihre Aufmerksamkeit getrennt von Ihren Gefühlen, bleiben Sie ein unabhängiger Beobachter und verstehen Sie, was da vorgeht.
Wir sind mit unserem Geist wechselweise in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Sie werden feststellen, dass unser Geist besonders dann Zukunftspläne macht, wenn wir in unangenehmen Dingen stecken. Unser ruheloser Geist ist unfähig, die Gegenwart voll und ganz zu erleben, er ist gefangen in der Vergangenheit und der Zukunft.
Wollen Sie einmal überlegen, wo Sie jetzt stehen? Wie ist Ihr Ist-Zustand? Jetzt in diesem Augenblick. Überlegen Sie, wo sind Sie? Nicht dort, wo glauben Sie zu sein glauben, wo Sie gerne wären oder Ihrer Meinung nach sein sollten. Diese Standortbestimmung hilft Ihnen vielleicht, ganz nüchtern zu erkennen, was ist. Im Sinne von Sein. Ohne falsches Selbstmitleid, ohne die ohnehin unnötigen Minderwertigkeitskomplexe oder Selbstvorwürfe. Das Beobachten und Wahrnehmen ohne in die Gefühle zu gehen, schenkt uns den Abstand, den wir brauchen, um uns nicht fangen zu lassen.
Schmerz, sei es physischer oder psychischer, wird erst durch das damit verbundene Gefühl als solcher erfahren. Wenn wir einem Geschehen Widerstand leisten, weil es nicht in unsere Vorstellungen passt, so erfahren wir psychisches Leid. Unerfreuliches werden wir im Leben alle immer wieder erfahren. Die Ursachen können andere Menschen, Objekte, Lebenssituationen, eben alle äusseren Dinge können die Ursache von Leid sein.
tellen Sie sich vor, dass zwei Menschen demselben unerfreulichen Ereignis im Leben begegnen. Der eine wird sich aufregen und leiden während der andere sich seinen inneren Frieden bewahrt und die Ursachen des Leids erkennt. Wir wissen, dass wir im Leben immer wieder unerfreuliche Dinge erleben. Nehmen wir dies als Tatsache, so können wir doch gelassen durch die Situation gehen. Zumal wir wissen,dass sie auch wieder vorübergeht.
Doch was machen wir? Wir haben eine Idee, einen Gedanken, der uns hindert. Wir wollen glücklich sein, Glück haben, Gesundheit haben. Es ist der Gedanke des Habenwollens, des Begehrens von etwas, das wir meinen, nicht zu haben. Erfüllen sich unsere Wünsche nicht möglichst sofort, empfinden wir Gefühle des Unbehagens. Unser Denken deutet das als Enttäuschung, Niedergeschlagenheit. Es ist ein Gefühl in der Psyche, das sich als seelischer Schmerz äussert.
Natürlich können wir sagen, wenn wir niemals etwas wünschen dürfen, haben wir auch keine Visionen für die Zukunft. Wenn wir sagen, dass alles Wünschen immer mit Leid und Freude verbunden ist, dann sind wir doch in einem Dilemma gefangen.
Erforschen wir doch einmal, was das Wünschen überhaupt ist. Es geschieht in unserem Denken, verbunden mit einem bestimmten Aufwand von Energie. Es ist Energie, die uns antreibt, inspiriert und unsere Kreativität aktiviert. Wenn wir diese Energie fliessen lassen und unsere Wünsche als Hilfsmittel nehmen, um das Leben intensiver und bewusster zu leben, so wird das einfach ein, wenn auch wichtiger Aspekt, in unserem Leben. Wir können dann auch akzeptieren, dass sich unsere Wünsche nicht erfüllen.
Nur wenn das Wünschen zum Selbstzweck wird, programmieren wir das Leiden vor. Die Freude, die wir empfinden, wenn sich für uns ein Wunsch erfüllt, liegt weniger in der Tatsache des Geschehens, als in unserem Denken. Unser Denken ist ein Hilfsmittel bei dem Versuch, Freude festzuhalten. Uns allen ist es bekannt, dass es den Schmerz ebenso festhält und durch ständiges daran denken, das Gefühl des Leidens noch verstärkt.
Unser Denken gibt uns Vorstellungen vor wie: Erfolg haben, etwas erreichen müssen, stark sein, gross sein, gut sein, toll sein, interessant sein , unseren Beruf erfolgreich bewältigen usw. Zum Müssen gesellt sich noch das Kämpfen. Wir kämpfen um Liebe, Anerkennung, vielleicht auch ums Überleben.
Warum können wir nicht einfach leben? Warum können wir nicht einfach lieben? Warum können wir nicht Leben mit Lieben gleichsetzen?
Warum tun wir nicht in Liebe unseren Beruf? Warum nicht in Liebe unsere Partnerschaft, Freundschaft oder Ehe leben? Leben wir unser Leben mit einem liebevollen Herzen, dann sorgen wir uns nicht so sehr um unser Ansehen, um unseren Erfolg, also um uns. Dann ist der andere für uns ebenso wichtig.
Wenn wir in Liebe unsere Arbeit tun, so geben wir unser Bestes, wir legen Begeisterung in die Arbeit. Wir lassen die Energie des Lebens durch uns fliessen, und wir fliessen mit dem Leben. Das Leben ist immer im Fluss und was immer wir im Leben erfahren, wir können Weisheit daraus schöpfen. Aus jeder Situation kann ich etwas lernen. Was ich brauche ist Geduld, innere Ruhe und einen achtsamen Geist.
Gönnen wir uns regelmässig eine Zeit der Stille, und üben wir uns in objektiver Achtsamkeit. Nehmen wir wahr, ohne Voreingenommenheit, ohne Meinung über oder von etwas. Schauen wir, nehmen wir wahr. Egal was es ist, seien es Gefühle, Gedanken... anschauen, fliessen lassen, geschehen lassen, vorbeifliessen lassen. So kommen wir nach und nach auch mit unserem wahren Inneren in Berührung.
Wir erkennen, dass ebenso wie in jedem anderen auch, unserem tiefsten Wesen ein Aspekt grundlegender Gutheit innewohnt. Wir können es auch das geistige Herz nennen. Dieses geistige Herz in uns ist voller Güte, Liebe und Weisheit. Für jedem, der das erste mal damit in Berührung kommt, ist es eine überwältigende Erfahrung.
Es ist nicht so, dass wir von uns sagen: “Ich habe ein gütiges Herz!“ Viel eher ist es so, dass wir in jedem anderen Menschen, egal ob Freund oder Feind, diese Güte entdecken. Selbst eine äusserst böse Nachbarin kann eine liebevolle Mutter zu ihren Kindern sein. Es ist das Licht in jeder Seele, der göttliche Funke, und wir können uns nicht vom Menschsein ausnehmen, also haben wir auch dieses göttliche Licht in uns.
Wir haben Anteil an der liebenden Güte und der uns innewohnenden Weisheit, wenn wir sie zulassen.
Selbstfindung ist heutzutage ein allgemein bekannter Begriff. Ebenso wie das Wort Liebe, wird auch Selbstfindung auf unzählige Arten interpretiert. Mann/Frau leidet unter Minderwertigkeitsgefühlen, man gibt den Eltern, der Umwelt, dem Partner die Schuld dafür und gleichzeitig kommt das Argument, ich hatte ja bisher keine Gelegenheit, mich selbst zu verwirklichen.
Irgend wann ist die Stunde gekommen, und man/Frau macht etwas, was sie bisher nicht gemacht haben. Selbstfindung soll befreien. Wovon bitte?! Die Hausfrau und Mutter sucht Selbstfindung, indem sie ihre Kinder anderen Leuten überlässt, oder auch sich selbst. Sie geht in Gruppen und macht Bauchtanz, oder Seidenmalen, intuitives Malen, übt kreativen Urschrei oder sexuelle Befreiung mit anschliessender Selbsterfahrungsdiskussion. Der Mann traut sich in eine echte Männergruppe, oder er versucht in einer Gruppe sein inneres Kind zu heilen.
Das ist alles schön und gut. Wir sind Suchende und wir wissen ja gar nicht, wo wir endlich wirklich das finden, was wir suchen. Wir wissen ja oft nicht einmal was wir suchen. Wir wissen nur, wir wollen nicht leiden, wir wollen glücklich sein, gesund sein und unser gutes Auskommen haben. Dann hören wir von irgend wo, wenn wir unser wahres Selbst finden, werden wir nicht mehr leiden. Und wenn wir nicht mehr leiden, dann sind wir doch glücklich, oder?
Jeder von uns kennt doch Menschen, die entweder total happy und high sind, oder absolut down und unglücklich, vielleicht gehört der eine oder andere von Ihnen auch dazu?
Gibt es nicht einen Weg, um weder das eine, noch das andere zu erleben? Gibt es nicht einen Weg, um nicht wie ein Kork auf den Wellen des Meeres herumgeschleudert zu werden? Wenn wir von den vielen Ups and Downs in unserem Leben erschöpft sind und keine Lust mehr haben, weiter ein Spielball der Umstände zu sein, dann ist es Zeit, dass wir etwas ändern. Was können wir tun?
Wir wollen uns nicht mehr aufregen und uns letztlich für Kleinigkeiten erschöpfen. Wir denken uns „wie schön muss es sein, Gelassenheit zu haben. Ruhig und gelassen durch die Unbillen des Lebens gehen und sich und anderen ein Pol der Ruhe und Kraft sein. Das wäre gut!“
Welche Menschen sind denn das, die unbeeinträchtigt von den äusseren Umständen, relativ gelassen, ihren Lebensweg gehen?
Ist es der emotionelle Typ, oder der intellektuelle, oder wer? Der emotionale reagiert sehr schnell, oft bevor er zum Denken kommt. Der intellektuelle Typ denkt und denkt und möglicherweise lebt er durch das Denken alleine und hat seine Gefühle abgestellt, verdrängt oder er hat sie „im Griff“.
Der Gelassene ist doch eher derjenige, der Weisheit in seinen Alltag bringt.
Wobei wir bitte nicht Weisheit mit Wissen verwechseln dürfen. Wissen ist das Ansammeln von Fakten, Weisheit ist Verstehen. Weisheit bedeutet, Zusammenhänge zu erkennen. Zusammenhänge erkennen wir, wenn wir objektiv wahrnehmen.
Was sollen wir denn wahrnehmen? Die Antwort lautet: alles. Jeden Gedanken, jedes Gefühl, Objekte der Umwelt, Menschen, und Intentionen, unsere eigenen und die der anderen.
Seit vielen Generationen üben wir uns in Selbstbeherrschung. Was heisst das für uns? Alles, was uns an uns nicht gefällt, kritisieren und unterdrücken wir. Je mehr wir Druck ausüben, desto stärker wird der Gegendruck. Auch hier haben wir das Prinzip „Dampftopf“. Die grosse Gefahr dabei ist jedoch, dass die unterdrückten Energien nicht unbedingt immer als das hochsteigen, als was sie unterdrückt wurden.
Aggressionen können ebenso wie Angst, Neid oder Wut plötzlich als physische Symptome auftreten. In der Medizin spricht man dann von psycho-somatischen Symptomen. Ursachen, die in der Psyche liegen, werden durch den Körper sichtbar. Sind wir fähig, ohne zu werten Eigenschaften als Energieformen zu betrachten, so erlauben wir ihnen, aus unserer Tiefe hochzusteigen, sich zu zeigen und sich zu verwandeln.
So ein Prozess, denn darum handelt es sich letztlich, könnte ungefähr so aussehen: Wir nehmen uns regelmässig Zeit und betrachten achtsam und unbeteiligt die Gedanken, wie sie kommen und vorüberziehen. Wir betrachten Gefühle, die uns aufsteigen, in der gleichen Weise.
1.) Wir erkennen bestimmte Gefühle, sie sind wie alte Bekannte für uns. So lange wir uns erinnern können, haben wir sie immer wieder. Wir kennen Gefühle wie, Eifersucht, Neid, Scham, mangelndes Selbstwertgefühl.
2.) Wir akzeptieren diese Gefühle. Wir akzeptieren, dass diese Gefühle auftauchen und dass sie zu uns gehören. Wir sind Menschen und wir dürfen alle Arten von Emotionen haben. Wir werten die Gefühle nicht und sagen, „Oh wie furchtbar, ich bin ja schrecklich aggressiv“, oder „Ich bin ebenso, da kann man nichts machen“. Beides stimmt nicht.
3.) Wir lassen die Gefühle zu und lassen sie sein. Wir geben ihnen nicht nach und wir halten sie nicht fest. Wir lassen sie fliessen. Wir lassen sie sein, wir lassen sein. Wir geben keinen Widerstand und wir machen keine Wertungen.
4.) Wir sind der Beobachter, der in uns die Gefühle kommen sieht, wahrnimmt, wie sie sich im Körper und Geist anfühlen, und der mit etwas Abstand, immer weiter beobachtet. Wir identifizieren uns nicht mit dem Gefühl. Es ist nicht meine Aggression, nicht meine Wut. Sondern „da gibt es Aggression, da ist Wut", das ist eine bestimmte Energieform. Erst unser Denken gibt der Energie einen Namen, einen Begriff.
5.) Etwas entsteht, ist einen Moment gegenwärtig, geht vorüber und fliesst vorbei. Ich lasse los-- (Lola-Prinzip)
In mir entsteht immer mehr Harmonie und Ruhe. Durch die Achtsamkeit, die ich walten lasse, erkenne ich das Entstehen der Emotionen. Sind die Emotionen heilsam für andere, so sind sie es auch für mich. Sind sie unheilsam, so übe ich mich, mehr und mehr, sie im Entstehen schon loszulassen, sie zu verwandeln in harmonische Energie.
Genau dasselbe machen wir mit unseren Gedanken.
Wir erkennen, wie Gedanken in uns entstehen. Vielleicht fliessen sie einfach durch uns hindurch. Wir wissen, dass viele Gedanken, wie Wellensalat der Radiosender, einfach in der Luft sind. Da wir keine abgegrenzten Individuen sind, sondern alle miteinander zusammenhängen, denken viele Menschen die selben Gedanken, obwohl jeder meint, es seien seine eigenen, ganz persönlichen Gedanken.
Rupert Sheldrake spricht von den „morphogenetischen Feldern“. Das bedeutet z.B., dass Erfinder, die nicht das geringste voneinander wissen, zu selben Zeit die selbe oder gleiche Erfindung machen.
Wir sind als Menschen alle miteinander verbunden. Nur, weil wir unsere feinstofflichen Schwingungen nicht sehen können, dürfen wir nicht behaupten, wir seien auf uns, auf unseren Körper begrenzt. Wir wissen, dass wir auf der tiefen Gedanken- und auch auf der tiefen Gefühlsebene alles miteinander teilen. So können wir mit Goethe sagen „nichts menschliches ist mir fremd.“
Von der Erziehung, der Kultur und Geschichte her werden uns Ideale eingepflanzt, wie wir sein sollten! Und so wie wir sind, ist es dann logischer Weise, nicht in Ordnung. Wir werden in der Zukunft, vielleicht gut sein, aber im jetzigen Sein sind wir es nicht. Es gibt aber immer nur das Jetzt. Also...
Also lassen wir „unsere Gedanken“, die vielleicht Kollektiv-Gedanken sind, zu. Wir halten sie nicht fest, sondern lassen sie - s e i n - Wie die Wolken am Himmel, ziehen die Gedanken vorüber. Anschauen, geschehen lassen, fliessen lassen.
E s i s t . Und so wie es ist, ist es gut.
Können Sie sich vorstellen, jenseits der Zeit zu leben? Es gibt keine Vergangenheit, keine Zukunft, Sie sind in einem Zustamd der Einheit, des Nur-Seins. Es gibt keine Vergangenheit, wohin Sie sich flüchten können, keine Erinnerung an bessere, glücklichere Zeiten, vor allem, wenn Sie gerade in einer Krise stecken.
Es gibt auch keine Zukunft, wohin Sie ausweichen können, kein Gedanke „ wenn dieses oder jenes eintritt oder sich ändert, dann geht es mit besser.
Es gibt nur ein Jetzt. Weiter stellen Sie sich vor, dass Sie sich auf einer höheren Ebene aufhalten und auf Ihr Leben und auf sich selber herunterschauen können. Da Sie sich in der Vogelperspektive befinden, sind Sie in der Lage, sehr weit zu schauen.
Sie sehen Ihre Geburt, Ihre Kindheit, Ihr jetziges Leben und vielleicht können sie einen Blick auf die Zeit werfen, wenn Sie alt sind. Alles geschieht gleichzeitig. Die Erkenntnis hängt von Ihrer Perspektive ab.
Leben Sie im normalen Alltag, so können Sie sich vorstellen, an der Peripherie der Schöpfung zu leben. Sie sind in der Materie gefangen und denken sogar, dass diese Materie solide, fest und abgegrenzt ist. Schön säuberlich ist eines vom anderen getrennt. Ein Mensch ist von dem anderen getrennt. Jeder Mensch ist wiederum von seinem Ursprung getrennt. Dieses Gefühl des Getrenntseins, bringt Leiden.
Der Gedanke des Menschen, ein Individuum zu sein, macht ihn stolz. Stolz aber macht einsam. Betrachten wir von der Sicht der Sufis die Schöpfung, die Seele, das Leben, dann bekommen wir die Fähigkeit, Leiden und Schmerzen in etwas Höheres zu transformieren. Die Sufis nennen es Ekstase.
Das beginnt damit, dass wir davon ausgehen, dass Gott die Welt erschaffen hat. Und es wird die Frage gestellt, warum? „Warum hat Gott die Welt erschaffen?“
Die Antwort lautet "Aus Liebe". Gott wollte aus der Einsamkeit seiner Einheit herauskommen, um sich im Du zu erkennen. Er schuf das Du, die Zweisamkeit, die Vielheit, um von sich ein Spiegelbild zu bekommen.
Ein Sufi, der ja ein Gottessucher ist, erblickt schliesslich überall in der Schöpfung Gottes Anwesenheit. Er erkennt die Einheit in der Vielheit, Gott in allem. Begegnet der Sufi einem anderen Menschen, so erkennt er dessen Wesen, das göttlich ist und er grüsst ihn mit „YA AZIM“, „wie herrlich sich Gott in dir offenbart.“ Der Sufi sagt, alle Emotionen, die ich erlebe, erlebt Gott in mir. Er ist das Leben, der Geist, das Sein, das mich erhält.
Gott ist mir näher als mein eigenes Blut, Gott schaut durch meine Augen und Er leidet, wenn ich leide. Er fühlt und erfährt Freude, Liebe, Weite durch mich, mit mir.
Was bedeutet das für uns? Für jeden einzelnen von uns? Keiner von uns ist allein in seinem Leid. Es ist Gott in uns, der unsere Gefühle erfährt, durch uns, der sich mitfreut, der mitleidet. Und wir erkennen und erfahren, dass jeder Mensch, jedes Tier, jede Pflanze, in all ihrer Vielfalt den göttlichen Funken in sich trägt und so können wir die "Einheit in der Vielheit" erkennen.