Mediale Lebensberatung

Das kleine Kind
von Christa Schneider

Ich war zu weit hinausgefahren, mein Boot hatte bisher immer das gehalten, was ich von ihm erwartet hatte. Es hatte mich bei ruhiger See ein Stück weit ins Meer gefahren, und mich dann wieder ohne Probleme in den Hafen zurückgebracht.

Doch nun war ich aus meinen Träumereien gerissen worden. Aus dem leichten Wind hatte sich ein Sturm entwickelt und das Boot wurde ein Spielball der Wellen. Dunkle, schwere Wolken jagten vom Horizont heran. „Ruhig bleiben“, sagte eine Stimme in mir „halte das Ruder gerade aus.“

Der Sand knirschte am Kiel, das Boot war mit einer kraftvollen, grossen, schaumgekrönten Welle ans Ufer getragen worden. Manchmal ist fester Boden unter den Füssen etwas so kostbares, dass man aus tiefstem Herzen dafür dankbar ist.

Ich stieg aus und zog das Boot so hoch an den Strand, dass es sicher im Trockenen lag. Der Wind pustete noch recht stark und das Meer liess die Wellen tanzen. Ich setzte mich in den Dünen.

Sie schützten mich vor dem Wind. Es war plötzlich so leise. Das donnernde Geräusch des Meeres und des Sturmes waren wie abgestellt. Ich atmete die reine Luft tief in meine Lungen, da hörte ich eine Stimme: “Was machst du denn hier?“ Zuerst dachte ich, ich hätte einen meiner Tagträume, doch die Stimme wiederholte die Frage: “Was machst du denn hier?“

Ich drehte mich in meiner gelben Regenjacke etwas zur Seite, meine Kapuze nahm mir die Möglichkeit, das wahrzunehmen, was nicht direkt vor mir war. Ein kleines Mädchen stand neben mir. Ihre Haare zauste der Sturm, ein roter langer Schal flatterte an ihrem Hals. Sie trug einen langen dicken Pullover, derbe Hosen und gelbe Gummistiefel.

„Also, was machst du hier?“ fragte sie mich und schaute mir neugierig ins Gesicht. „Ich sitze hier“, antwortete ich wahrheitsgemäss. „Das sehe ich“ entgegnete das Kind und setzte sich zu mir. „Magst du auch so ein Wetter, wenn es so richtig schön wild ist?“ „Tja, so an Land finde ich es auch recht schön. Nur vorhin, auf dem Wasser, war ich mir nicht mehr so sicher, ob ich das schön finde.“

„Warum hast du keinen Wetterbericht gehört, bevor du losgefahren bist? Dann hättest du gewusst, dass ein Sturm kommt und dann wärst du nicht fast verloren gegangen.“

„Woher weisst du denn, ob ich ihn nicht gehört habe?“ „Du siehst nicht so aus, als ob du leichtsinnig die Gefahr suchst“ sagte das Kind ernst „die meisten Menschen fangen erst an zu denken, wenn sie schonwieder aus der Gefahr heraus sind. Sie denken an lauter unwichtiges Zeug und haben ihre Denkmaschine fastTag und Nacht in Betrieb. Aber auf ihre Intuition hören sie nicht, sie haben kein inneres Ohr für ihr Kind.“

Ich starrte auf das Meer und meine Augen verfolgten den Flug einer Möwe. Sie liess sich von den Winden tragen und schwebte in weiten Kreisen über den Himmel.

„Du denkst nicht soviel blödes Zeug,“ meinte das Kind. „Wieso meinst du das?“ fragte ich zurück. „Du kannst so ruhig sitzen und einfach nur schauen“, entgegnete das Kind. „Hm“ war meine Antwort. Doch dann wuchs in mir die Neugier. Was war das für ein kleines, kluges Kind?

„Wie heisst du“, fragte ich es, „mein Name ist Christa, und deiner?“ „Mein Name ist Christa“, kam es wie ein Echo zurück. Doch das Kind schaute so ehrlich und ernst, dass ich das Gefühl hatte, es sagt die Wahrheit und nimmt mich nicht auf den Arm. „Dann sind wir Namensschwestern“, bemerkte ich. „Mehr als das“, kam die Antwort.

„Sag mal, wo sind wir hier? Ich war hier noch nie und kenne die Gegend nicht“. - „Es heisst H...lig“ nuschelte das Kind. Ich verstand Hallig, und mein Verstand wusste, das sind kleine Inselchen in der Nordsee, manche bewohnt, manche unbewohnt.

Ich hatte in meinem Rucksack noch etwas zu Essen, zum Glück wasserdicht verpackt. „Möchtest du auch mal kosten?“ bot ich dem kleinen Mädchen, das fast wie ein kleiner Junge aussah, meine Essensauswahl an. Käsebrot, Butterkeks, 2 Äpfel, Salzstangen, einige Fruchtbonbons und eine Lakritzstange. Das Kind schaute sich alles gründlich an, es roch daran und zog dann die Schultern hoch, „Ich weiss nicht, iss du mal“. „Was magst du denn gerne, ist nichts für dich dabei?“

Das Kind strahlte mich an: „ich mag dich, weisst du. Ich mag mit dir reden. Ich mag, wenn du mich ernst nimmst und lieb zu mir bist.“ Ich begann mein Käsebrot zu essen und dachte nur, zu dir muss man einfach lieb sein, du bist ein goldiges Kind.

„Wohnst du hier?“ fragte ich, um das Gespräch wieder in Gang zu bringen. Das Kind liess den Dünensand aus der erhobenen Hand rieseln und sah konzentriert auf den dünnen Sandstrahl. „Das Leben ist doch wie so ein Sandstrahl“, sinnierte das Kind. „Man kommt aus dem Ganzen, dann ist man für eine kurze Zeit getrennt und dann ist man wieder vereint.“

Das Kind rannte zum Meer. Unten am Wasser schöpfte es eine Hand voll Wasser und liess es wiederum ganz langsam wieder ins Meer zurückfliessen. “Jeder Tropfen denkt, er sei ein getrenntes, eigenes Leben. Dabei ist er doch auch das Meer. Er kommt aus dem Meer und wird wieder Meer. So wie unsere Seelen aus dem göttlichen Meer hervorgegangen sind und wieder dahin zurückkehren.“

Das ist schon ein ganz seltsames Kind, dachte ich für mich. „Wieso findest du mich seltsam?“ Es hatte meine Gedanken erraten - „Du bist seltsam, weil du denkst, Kinder seien dumm und müssten sich auch so benehmen.“ Innerlich musste ich ihm recht geben. Ich hatte das restliche Essen wieder im Rucksack verstaut. „Wollen wir am Meer spazieren gehen?“ Das Kind hatte meinen Wunsch erraten.

„Weisst du, woran die meisten Menschen leiden?“ fragte mich das Kind und legte vertrauensvoll seine kleine Hand in meine. „Nein, ich habe mir noch keine grossen Gedanken darüber gemacht. „Es wird aber Zeit, dass du dir welche machst. Du bist nicht umsonst hierher gekommen“. „Oh, da sprach ja wirklich Strenge aus den Worten!“

“Ich werde dir sagen, worunter die Menschen leiden. Sie mögen keine Kinder! Sie lieben keine Kinder. Und warum lieben sie keine Kinder? Ich meine nicht die wohlerzogenen, oder besser verzogenen, teuer angekleideten kleinen Erwachsenen. Wenn ich Kind sage, meine ich auch Kind.“

„Also, warum lieben die wenigsten Menschen Kinder?“ setzte das kleine Mädchen ihren Wortschwall fort und zog sich energisch den roten Schal enger um ihren Hals, denn der Wind blies recht kalt. „Weil sie sich selber nicht mögen, darum mögen sie keine Kinder. Und das ist traurig, sehr traurig“, setzte sie hinzu und bekam traurig glänzende Augen.

„Und warum mögen die Menschen sich nicht?“ wagte ich zu fragen, in der Erwartung, wieder einen energischen, weisen Wortschwall über mich ergehen zu lassen. Das Kind holte tief Luft und seufzte: “die Menschen sind so grausam zu sich und sie sind grausam zu ihrem inneren Kind. Sie ignorieren es, sie wollen es nicht hören, sehen oder fühlen. die ganze Welt krankt daran“. Sie wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Auge.

„Es gabt zwar einige wenige auf der Welt, die uns Kinder schätzten, doch das waren meistens Heilige oder Mystiker. Natürlich Jesus von Nazareth. Er sagte, die Menschen sollten wieder werden, wie wir. ‘Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein, so könnt ihr nicht das Himmelreich erfahren.’ Wir Kinder waren immer willkommen bei Jesus.“

Ich holte Atem und überlegte „Aber wir leben heute, nicht mehr zu Zeiten Jesu. Das Leben heute ist hart. Der Konkurrenzkampf ist brutal. Man muss dran bleiben, fit bleiben, beweglich sein.“

„Aber ihr lebt gegeneinander, jeder gegen jeden,“ sagte das Kind, “ihr könnt ja beweglich sein, wir Kinder sind doch ein Beispiel an Beweglichkeit. Warum lebt ihr nicht miteinander und füreinander? Eure Welt ist so dunkel und hart, es ist ein Kampfplatz, es ist keine gute Welt für Kinder.“

Ich musste dem kleinen schlauen Mädchen recht geben. Nur in der Natur vielleicht, oder was wir von ihr übrig gelassen hatten, konnte ein Kind noch Kind sein. Wir waren ein langes Stück am Meer entlang gelaufen. Der Sturm hatte sich gelegt, nur die Möwen zogen noch am Himmel ihre Kreise. Das aufgewühlte Meer rollte seine schaumverzierten, breiten Wellen an den Strand.

Da erblickte ich auf einer Anhöhe ein rundes Gebäude. „Komm“, sagte das Kind und zog mich kraftvoll den Abhang hinauf. Über dem Eingang stand „Forschungs- und Warteinstitut der Insel Heilig“.

„Schliesse deine Augen“, forderte mich das Kind auf. Seltsam genug, aber ich tat es. Ich schloss die Augen und vertraute mich der Führung des Kindes an. Im Nu bat mich das Kind die Augen wieder zu öffnen. Wie war das geschehen? Ich hatte es nicht gespürt, doch wir waren in einem grossen, runden Saal. Ringsherum an den Wänden standen Tische mit Monitoren. Menschen sassen an ihnen und waren in ihre Arbeit vertieft.

„Bitte erkläre mir, was das hier ist“, bat ich das Kind. Es lächelte verschmitzt und zog mich zu einem der Monitore. „Schau hinein“ deutete es mit seiner Hand.

Oh Gott, ich sah eine Strasse, Menschen, die mit schnellen Schritten dahineilten, mit freudlosen Gesichtern. Über ihren Köpfen sah ich so etwas wie eine grosse Seifenblase. In der Seifenblase konnte ich die Gedanken der Menschen lesen. Es waren traurige, düstere, freudlose Gedanken.

„Warum muss ich der Nachbarin etwas schenken, sie ist doch eine dumme Kuh, mit ihrem Geklage, dass sie so einsam ist.“

„Ich hasse meinen Job, immer mit Kranken zu tun haben, fürchterlich, sie nehmen einem die ganze Lebensfreude.“

„Mistwetter, das ganze Leben ist wie das Wetter...“ und ähnliche Gedanken mehr.

Es regnete leicht und die Stimmung in der Strasse war grau bis düster. Es presste mir das Herz zusammen. “Fällt dir nichts auf“, fragte mich das Kind. „Ja, es gibt gar keine Kinder, die Kinder, die da laufen, sehen auch wie kleine, traurige Erwachsene aus“.

Fragend sah ich das Kind an. Es drückte einen Knopf und ein anderes Bild erschien. Ein grosser Raum war zu sehen und unzählige Kinder sassen darin. Sie spielten nicht, es machte den Eindruck, als sei es ein Wartezimmer, in dem sie sassen. Sie sassen geduldig und warteten. Manche weinten, manche sassen und starrten mit traurigen Augen vor sich hin, andere stampften ab und zu mit dem Fuss auf, sie waren wohl ungeduldig oder wütend. Ganz selten wurde ein Name aufgerufen. Dann erhoben sich alle Kinder und klatschten freudig in die Hände.

Sie freuten sich und das aufgerufene Kind ging durch ihre Reihen zum Ausgang. Dort stand ein Engel und nahm es bei der Hand und ging mit ihm fort. Die übrigen setzten sich wieder und warteten. Keiner wusste, wer als nächster aufgerufen werden würde.

Mein kleines Mädchen drückte wieder einen Knopf, und ich sah auf dem Bildschirm eine ältere Frau, die ruhig in einem Sessel sass und meditierte. Ich konnte auch ihre Gedanken hören.

„Du mein inneres Kind, sei willkommen. Ich weiss, dass ich viele Jahre mich nicht um dich gekümmert habe. Verzeih mir bitte. Ich habe zu Gott gebetet, dass er mir doch zeigen möge, wie ich mein Leben noch gut leben kann. Er hat mir gesagt: ‘Empfange das Christkind in dir und lass es lebendig und glücklich sein.’ Seit Monaten meditiere und bete ich zu dem göttlichen Kind in mir. Und heute hat es mir gesagt, wir holen dein verletztes inneres Kind aus der fernen Kindheit heim. Wir wollen es segnen und liebhaben.“

Ich sah mit Hilfe meines Kindes auf dem Monitor, wie das traurige Kind aus dem Wartesaal in die Vorstellungswelt der alten Frau kam. Wie war sie glücklich. Sie zitterte vor Freude und Spannung. Auch das traurige Kind zitterte etwas. Da kam das Kind Jesus Christus dem traurigen Kind entgegen und nahm es ganz einfach in die Arme und küsste es auf die Stirn.

Die unendliche Liebe und Güte, die von ihm ausging, heilte alle Wunden des traurigen Kindes, es weinte vor Glück, und die Tränen schwemmten allen Kummer davon. Jetzt war es wirklich angenommen, so wie es war und es wurde geliebt. Die alte Frau sass in tiefer Meditation und auch ihr liefen die Tränen über das Gesicht. Sie hatte mit Hilfe des göttlichen Kindes ihr inneres Kind heimgeholt und geheilt.

Ich stand und starrte auf den Monitor. Das kleine Mädchen schaltete den Bildschirm ab. „Genug“ sagte es. „Du hast gesehen, wie die verletzten Kinder darauf warten, heimgeholt zu werden, und wie sehr sie Trost und Heilung brauchen. Tu was!“

Mir war die ganze Sache sehr nahe gegangen. Sicher, ich wollte etwas zur Rettung dieser armen Kinder tun. Doch wie?

„Ich habe das Gefühl, das schaffe ich nicht alleine“, gab ich zu bedenken. „Willst du mir helfen? Bitte, hilf mir!“ setzte ich hinzu. Mein Kind schaute mich an „ohne göttliche Hilfe vermögen wir gar nichts, mit göttlicher Hilfe sind wir stark und wir werden die Geschichte vielen Erwachsenen erzählen.

Und weisst du was? Die inneren Kinder der Erwachsenen werden uns auch zuhören und Hoffnung schöpfen, dass ihre Menschen sie zu sich holen und sie mit Gottes Hilfe heil werden.“

mehr dazu: Unser inneres Kind heilen