Mediale Lebensberatung

Der Spiegel
von Christa Schneider

Vor langen Zeiten lebte ein Indio im fernen Feuerland, Goldene Feder genannt. Er war schon sehr alt und sein Haar war weiss. Seine Augen hatte ihre Schärfe verloren. In seiner Jugend war er aufbrausend gewesen und ungeduldig. Viele Mitmenschen hatte er durch seine ungestüme Art verletzt, und auch die Tiere, die ihm begegneten, bekamen seine Temperamentsausbrüche unangenehm zu spüren.

Er hatte überhaupt nicht darüber nachgedacht, wie sein Verhalten auf andere wirkte. Sehr oft war es so, dass er etwas wollte, und er wollte alles immer sofort. Doch mit dem Älterwerden wurde er sanfter und ruhiger. Er selber hatte viel unter den Reaktionen der anderen gelitten. Doch jetzt wurde er weise. Vielleicht lag es an seinen weissen Haaren, vielleicht lag es auch daran, dass er sein Herz dem Leben geöffnet hatte.

So war er für seine Mitmenschen natürlich angenehmer, und er wurde mehr und mehr von ihnen geschätzt. Es geschah immer öfter, dass Menschen zu ihm kamen, um sich von ihm beraten zu lassen. Früher, als er noch jung war, hatte er es sich gewünscht, ein gefragter Ratgeber zu sein. Aber damals hatten die meisten Angst vor seinen unberechenbaren Temperamentsausbrüchen. Jetzt war es ihm im Grunde egal, ob Menschen zu ihm kamen oder nicht.

Einmal kam eine junge Frau zu ihm und klagte ihm ihr Leid. Die Frau hiess „Wilde Katze“. Sie war lange krank gewesen, und ein Medizinmann hatte sie wieder gesund gemacht. Jetzt hatte sie sich in ihn verliebt und wollte mit ihm zusammen leben. Sie meinte, sie könne nicht mehr ohne ihn sein. Doch der Medizinmann war schon mit Frau und Kindern gesegnet. Er konnte gegen die Beweise der Zuneigung seiner Patientin nichts machen. Er wollte ihr helfen und sie keinesfalls verletzen.

Die Patientin hatte eine sanfte, aber beherrschende Art. Sie zwang ihn, zu ihr zu ziehen und seine Familie zu verlassen. Sie drohte, ihrem Leben ein Ende zu setzen, wenn er sie allein liesse. Im allerletzten Moment konnte er sich besinnen. Er trugnicht nur Verantwortung gegenüber seiner Frau und seinen Kindern, sondern tief in seinem Herzen wusste er, dass es die Liebe war, die ihn zu seiner Familie zurückkehren liess.

Wilde Katze sass vor dem alten Indio „Goldene Feder“ und weinte und jammerte, dass sie sich so arm und verlassen fühle.

Der Alte schaute sie lange an, dann hielt er ihr eine grosse Schneckenmuschel hin, sie sollte sich die Muschel an ihr Ohr halten. Wilde Katze tat es und hörte Weinen von kleinen Kindern und das Weinen einer Frau und Seufzen. Fragend schaute sie den Alten an. „Was ist das“, fragte sie, „ich kenne nur Muscheln, in denen man das Meer rauschen hört, wenn man sie an sein Ohr hält.“

Goldene Feder nahm ihr die Muschel wieder ab, und sagte nichts. Dann ergriff er von seinem kleinen Tisch, auf dem viele verschiedene interessante Dinge lagen, einen Spiegel. Er hielt ihn der Frau vor das Gesicht, ohne ein Wort zu sagen. Sie wollte nicht hineinschauen, denn sie dachte, mit ihren verweinten Augen und den Falten um den Mund sei sie kein schöner Anblick.

Goldene Feder sagte leise aber bestimmt:“Schau hinein“, und aus seiner Stimme hörte sie, dass es kein Ausweichen gab. Sie blinzelte in den Spiegel und war höchst erstaunt, was sie sah. Sie sah eine Frau mit zwei Kindern, die an einem Tisch sassen und die Kinder weinten und die Frau schluchzte. Diese Frau hatte einen anderen Körper, aber sie hatte ihr Gesicht.

Wilde Katze fragte den Alten, ob das ein Bild aus ihrer Zukunft sei. Doch er schüttelte seinen Kopf. „Nein, weder Vergangenheit noch Zukunft siehst du. In Wahrheit sind wir alle miteinander verwandt, und alle unsere Gedanken und Gefühle sind miteinander verbunden. Das Leid, das du jemandem zufügst, wirst du selber einmal spüren, und zwar mit aller Macht und Deutlichkeit. Du bist sie, und du verletzt dich selber, wenn du ihr weh tust. Das, was du Liebe nennst, ist Deine Dankbarkeit für die Heilung, aber darin ist auch Deine Angst vor dem Alleinsein. Du willst diesen Mann, damit er Dir deine Einsamkeit nimmt.

Du willst im Leben immer wieder Dinge erzwingen. Solange du keine echte Liebe kennst, willst du jemanden festhalten, für dich alleine haben. Und du machst dir eine Welt voller Vorstellungen, wie es im Leben sein müsste, und du siehst nicht und akzeptierst nicht, wie es in Wahrheit ist.

Warum hast du soviel Angst? Du hast waghalsige Bergtouren gemacht, um dir zu beweisen, dass du keine Angst hast. Den anderen hast du gesagt, dass du nur in den höchsten Berggipfeln den hellen Bergkristall finden kannst. Doch das war nur ein Vorwand.

Du hast die wildesten Pferde geritten und hast dir dabei schrecklich den Arm gebrochen. Es gibt keinen Zufall. Einen grossen Teil der Schmerzen und der Leiden, die du durchlitten hast, hast du dir selber zu verdanken. Mache nicht andere dafür verantwortlich.

Wilde Katze blickte sehr traurig drein. Das war sehr viel für sie. Noch nie hatte einer es gewagt, so zu ihr zu sprechen. Sonst war sie es immer gewesen, die anderen Menschen Ratschläge gegeben hat, denn sie glaubte zu wissen, wie der andere sein Leben zu führen hatte.

„Gehe jetzt nach Hause,“ sagte Goldene Feder zu ihr, „es ist besser, wenn du über alles nachdenkst, und ein anderes Mal wieder kommst.“

Wilde Katze war noch in ihren Gedanken, die Worte von dem Alten schossen ihr durch den Kopf und innerlich hatte sie für jeden seiner Sätze ein Gegenargument. Doch irgend etwas hielt sie zurück, ihre Gedanken zu äussern. Vielleicht war es Ehrfurcht vor Goldener Feder, vielleicht war es auch die Müdigkeit, die sie immer stärker durchdrang. Sie stand schweigend auf, legte die rechte Hand auf ihr Herz, verbeugte sich und verliess den Tipi des alten Mannes.

Mit jedem Schritt, den sie weiter von dem Alten fort und näher zu ihrem Heim ging, fühlte sie sich leichter, getrösteter und besser. In ihrem Zelt angekommen wusch sie sich das Gesicht, setzte sich ruhig hin und bedachte noch einmal ihre Situation und ihr ganzes Leben. Nach und nach wurde ihr Herz so weit, dass sie das Gefühl hatte, als ob die ganze Welt in ihm Platz hätte. Und es erfüllte sie eine sanfte, warme Liebe, ein Wohlwollen für alle Lebewesen.

Sie schlief in dieser Nacht ganz tief und erwachte am nächsten Morgen, wie von einer Krankheit genesen. Sie sah jetzt ihr vergangenes Leben wie eine unbeteiligte Fremde, mit allen Fehlern, allem Egoismus und Eigensinn. Wievielen Menschen hatte sie Leid zugefügt, ohne sich dessen bewusst zu sein. Nein, so wollte sie nicht weiterleben. Sie entschloss sich, Goldene Feder zu fragen, ob er sie nicht als seine Schülerin aufnehmen würde. Sie wollte so liebevoll und weise werden, wie er. Mit ein paar einfachen Worten hatte er ihr die Augen geöffnet und ihr gezeigt, wie sie einen besseren Weg gehen konnte.